• Simone Jacob

Hallo, ich heiße VAGINA und will mich nicht mehr schämen!


Ich lebe eingebettet in der Vulva und bin ein äußerst sensibles Geschöpf und ja, ich altere genauso wie der Rest meiner Trägerin.

Wir schreiben das Jahr 2022. Die meisten Frauen bezeichnen sich als emanzipiert und doch gibt es da diese eine sagenumwobene Region unseres Körpers, die uns immer noch weitestgehend unbekannt ist und deren Namen wir nur unter Nötigung und Schamesröte öffentlich in den Mund nehmen.

VAGINA

Auch ich habe lange gezögert, bis ich mich an diesen Text gemacht habe. Peinlich, unsexy, zu intim das Thema


VAGINA und SEX IM ALTER...

Aber dann dachte ich, hey, ich bin der Cheerleader meines eigenen Lebens. Es liegt an jedem einzelnen, folglich auch an mir, dieses Thema aus der Schmuddelecke herauszuholen. Denn alles was Vaginas zu erzählen haben, ist schlicht das Leben und die Geschichte vom Älter werden und dem Vergehen.


Liebe Schwestern, das was sich zwischen unseren Beinen abspielt und an dem - ebenso wie am Rest von uns - der Zahn der Zeit nagt, ist kein Ort der Scham. Beschämend ist höchstens unsere Einstellung dazu.

Unsere Vagina spielt meist nur im Zusammenhang mit Sex eine Rolle. Da heißt sie auch anders. „Muschi“ zählt noch zu den netteren Bezeichnungen. Unsere Vagina ist aber viel mehr als ein Lustspender und der Ort aus dem die Kinder ploppen. Sie ist vor allem ein eigenständiges Wesen, welches auf die Veränderung unserer Hormone und des Alters reagiert, genauso wie der Rest von uns.

Um es klar zu sagen: Vaginas und Vulvas altern, werden faltig, rissig und trocknen. Dies kann zu erheblichen Problemen im Alltag und beim Sex führen, vor allem in der Peri-, Menopause und Post-Menopause! Also lasst uns reden. Denn Schweigen hilft nicht und heilt nicht!

Nach der Menopause kann der weibliche Körper kaum noch Feuchtigkeit in die Haut einlagern. Diese Trockenheit betrifft natürlich auch unsere Haut unten herum, also die Haut unserer Schamlippen und die Schleimhäute unserer Vagina. Sie werden trocken und damit sehr empfindlich. Das heißt, Sex, der früher immer ging - auch ohne Vorspiel - ist heute schmerzhaft, da die Scheidenhaut dünner ist und innen und außen leicht einreißen kann.


Für viele Frauen jenseits der 60 ist Penetration daher eine schmerzhafte Angelegenheit. Oft aber ist es den Frauen peinlich mit ihrem Mann darüber zu sprechen. Sie haben das Gefühl als Frau zu versagen oder Angst ihren Mann zu verlieren, wenn sie ihm nicht geben können was er braucht. Stillschweigend und unter Schmerzen ertragen sie den Sex ihrem Mann zuliebe.

Ich weiß, nicht jede Frau hat wie ich das Glück einen verständnisvollen Partner zu haben und es ist gewiss’ nicht leicht dieses heikle Thema anzusprechen. Aber eine Beziehung ohne Penetration muss nicht gleich sexfrei sein, Sexualität und Intimität kann auf vielen Ebenen stattfinden. Man kann sich gegenseitig eine erotische Massage gönnen, sich leidenschaftlich küssen, auf dem Sofa kuscheln, Hand in Hand spazieren gehen.

Das Altern unserer Genitalien ist ein ganz natürlicher Vorgang, der irgendwann fast jede Frau betrifft, mehr oder weniger die Hälfte der Weltbevölkerung, also vier Milliarden!!! Und trotzdem wissen wir kaum etwas darüber.

Bedenke, auch Dein Partner wird älter und sein bestes Stück funktioniert vielleicht auch weniger aufrecht als mit 30. Möglicherweise ist er sogar froh, von der Last des „immer Stehen müssens“ befreit zu sein. Wie auch immer, aber ganz sicher ist Schweigen und stilles Leiden der falsche Weg.


Ich will hier den Anfang machen und ganz ehrlich, dazu brauche ich all’ meinen Mut. Also, hier ist meine Geschichte:

Auch für mich kam der Streik meiner Vagina aus heiterem Himmel. Mit 60 hatten sich meine letzten Östrogene, Testosterone und Progesterone verabschiedet. Ich atmete auf, endlich war der Wechseljahrs-Krampf vorbei, jetzt konnte die Party wieder richtig losgehen. Aber dann passierte etwas völlig überraschendes: Ich hatte Schmerzen beim Sex! Das hatte ich noch nie! Und es wurde nicht besser.


Meine Frauenärztin stellte mit einem fachmännischen aber besorgten Blick in meine Vagina fest, „Ihre Innenwände sind eingerissen. Der Sex muss ja höllisch weh tun.“ Ja, tat er!

Ich wollte mich gerne mit anderen über mein Problem austauschen, nach Erfahrungen, Rezepten, Hilfe fragen, stieß aber auf eine Mauer des Schweigens. Warum?


Im Zeit-Magazin vom 3.11.22 schreibt Jörg Burger über den vorherrschenden Alters-Optimismus. „Es scheint, als würden wir nicht wahrhaben wollen, dass nicht nur unsere Haut und unsere Organe sondern auch unsere Sexualorgane dem Zerfall preisgegeben sind.“

Klar, warum sollte der Alterungsprozess ausgerechnet an unseren Genitalien vorbei gehen. Schließlich haben sie mit der Menopause ihre Funktion als Fortpflanzungsorgane verloren.

Das betrifft natürlich auch den Mann! Bei uns Frauen wird es untenrum trocken und rissig, bei den Männer bleibt das beste Stück oft weich und steht nicht mehr. Doch ich kann nur für mich, das weibliche Geschlecht sprechen und auch nur aus meiner persönlichen Erfahrung. Ich bin keine Ärztin, nur Betroffene.


Leider hat mich keiner je darauf vorbereitet, dass die Scheide ohne Hormone einem ausgetrockneten Brunnen gleicht. Mit den Schmerzen beim Sex rauscht dann auch die Libido, die durch den Verlust der Hormone sowieso schon auf Sparflamme köchelt, vollends in den Keller.

Und liebe Schwestern, das ist noch nicht alles. Es kann noch schlimmer kommen. Schon mal von Vaginaler Atrophy gehört. Damit ist eine schrumpfende Vagina gemeint. Meine Frauenärztin erzählte mir, dass sie bei manchen älteren Frauen mit dem Spekulum kaum noch in die Vagina kommt. Eine Horrorvorstellung! Aber soweit muss es nicht kommen.

Gegen Trockenheit, Libidoverlust und Schrumpfen der Vagina kann man etwas tun!

Sprecht mit Eurer Frauenärztin. Die Lösung kann für jede Frau anders aussehen. Ich habe mich in Absprache mit meiner wunderbaren Ärztin für eine Hormonersatztherapie entschieden. Morgens nehme ich ein bis zwei Pumpstöße Östradiol, Abends eine Tablette mit Progesteron und 2-3 mal die Woche schiebe ich ein Östrogen-Zäpfchen in die Scheide, das die Schleimhäute wieder aufbaut. Meine Beschwerden sind dadurch fast weg.

Ich wünsche mir, dass wir irgendwann genauso offen und normal über Scheidentrockenheit, Blasenschwäche, Prostataleiden und Darmspiegelung sprechen können, wie über Grippe und Rückenschmerzen. Der Austausch von Informationen und Gefühlen kann unsere Lebenszufriedenheit nur steigern und helfen Lösungen zu finden. Also, nicht weiter schämen, sondern reden…

Literatur für Frauen und Männer ;-)

  • Ein wunderbares Buch zum Thema, ist: „Women on Fire“ von Dr. med. Sheila de Liz

  • Auch interessant das mutige Buch von Jane Lewis, "Me & My Menopausal Vagina". Leider nur in englisch.

Ich folge auch:









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